Lügendetektion - Vom Polygrafen zum Hirnscanner

  Illustration des Polygraphen Urheberrecht: Monika Weissensteiner

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Dr. Torsten Voigt

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Larissa Fischer

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Dr. Bettina Paul

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Projektsteckbrief

  1. Projektlaufzeit: 2017 - 2020
  2. Drittmittelgeber: Deutsche Forschungsgemeinschaft
  3. Projektleitung: Prof. Dr. Torsten H. Voigt
 

Über die anhaltende Attraktivität und soziotechnische (Neu-)Konfiguration der Lügendetektion

Das Forschungsvorhaben untersucht erstmals aus sozialwissenschaftlicher Perspektive die his­torische Entwicklung, rechtlich-administrative Praxis und sozio-technische (Neu-)Konfiguration der Lügendetektion in Deutschland. Ziel ist es, die mit dieser Technologie verbundenen soziotechnischen Wissens- und Praxiskonfigurationen, bestehend aus einem komplexen Gefüge von Erwartungen, Versprechungen, erfahrungsbezogenen Übersetzungsleistungen und Wissensbeständen, zu analysieren und zu reflektieren.

 

Ausführliche Projektinformationen

Aussagen einer Person auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen zu können, um sich Gewissheit über Gesagtes und/oder Getanes zu verschaffen, ist ein ebenso historisches wie gegenwärtiges gesellschaftliches Ziel. Wissenschaftlich-technologische Verfahren, die diesem Wunsch nachkommen, werden als Lügendetektion bezeichnet. Das wohl bekannteste Gerät ist in diesem Zusammenhang der in den 1920er Jahren entwickelte Polygraf. Er versprach auf der Basis biologischer Daten eine neue Qualität der Lügendetektion. Von Beginn an wurde jedoch die Validität dieses und vergleichbarer Verfahren kritisiert. Trotz aller Kritik wurde auch in Deutschland nie gänzlich darauf verzichtet, Lügendetektoren in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten einzusetzen. Aktuell wird gar ihre Renaissance konstatiert, was insbesondere mit dem Entwickeln und Anwenden bildgebender Verfahren der Neurowissenschaften für die Lügendetektion zusammenhängt. Gerade in forensischen Diskursen wird diesen ein erhebliches Potenzial zugesprochen, da mit ihren neurowissenschaftlich fundierten Prozedere eine validere Detektion von Lügen ermöglicht werde. Dies führte unter anderem zu einer neuen Debatte über ihre Zulässigkeit im Rahmen von Straf- und Zivilprozessen. Trotz der gesellschaftlichen und (sicherheits-)politischen Relevanz des Themas steht eine umfassende sozialwissenschaftliche Analyse lügendetektorischer Praktiken bis heute aus. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die soziotechnische Ausgestaltung einschlägiger Handlungskontexte. Das Forschungsvorhaben untersucht erstmals aus sozialwissenschaftlicher Perspektive die his-torische Entwicklung, rechtlich-administrative Praxis und sozio-technische (Neu-)Konfiguration der Lügendetektion in Deutschland.

Ziel ist es, die mit dieser Technologie verbundenen soziotechnischen Wissens und Praxiskonfigurationen, bestehend aus einem komplexen Gefüge von Erwartungen, Versprechungen, erfahrungsbezogenen Übersetzungsleistungen und Wissensbeständen, zu analysieren und zu reflektieren. Dabei soll die für das jeweilige Verfahren konkrete Eigendynamik der soziotechnischen Handlungspraxis herausgearbeitet werden. Dies beinhaltet insbesondere, dass die Perspektiven und das Wissen der involvierten Akteur_innen in ihrer jeweiligen (praktischen und fachlichen) Eigenlogik zu rekonstruieren sind. Hierbei wird insbesondere auch die Rolle neuer bildgebender Verfahren für die Renaissance der Lügendetektion in den Blick genommen. Mit diesem Fokus leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur soziologischen Analyse und theoretischen Reflexion wissenschaftlich-(bio)technologischer Verfahren, ihrer Attraktivität in verschiedenen Handlungsfeldern und Kontexten der Gegenwartsgesellschaft sowie der mit ihrem Einsatz verbundenen gesell-schaftlichen Implikationen.

 

Projektrelevante Publikationen

Egbert, S., Paul, B. (2016): Devices of lie detection as diegetic technologies in the ‘war on terror’. In: Bulletin of Science, Technology & Society, online first, doi: 10.1177/0270467616634162.

Fischer, Larissa (2020): The idea of reading someone’s thoughts in contemporary lie detection techniques. In: Laurens Schlicht, Carla Seemann und Christian Kassung (Hrsg.): Mind Reading as a Cultural Practice. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 74-96.

Fischer, Larissa, Bettina Paul und Torsten H. Voigt (2019): Wahrheit unter dem Vergrößerungsglas. Vorstellungen von Subjekt und Technik in der Rechtsprechung zur Polygraphie. In: Zeitschrift für Soziologie 48 (5-6): 418-434. Doi: 10.1515/zfsoz-2019-0029.

Heinemann, T. (2016): Die neurowissenschaftliche Suche nach dem Bösen. In: psychosozial 39, 144, 10-25.

Heinemann, T. (2014): Gefährliche Gehirne: Verdachtsgewinnung mittels neurobiologischer Risi­koanalysen. In: Kriminologisches Journal 46, 3, 184-198.

Paul, Bettina, Larissa Fischer und Torsten H. Voigt. (2020): Anachronistic Progress? User Notions of Lie Detection in the Juridical Field. In: Engaging Science, Technology, and Society 6, 328-346. Doi: 10.17351/ests2020.433.

Paul, Bettina, Larissa Fischer und Torsten H. Voigt (2019): Wahrheit detektieren. Polygrafie zwischen Technikskepsis und Maschinenglauben im Kontext der Justiz. In: Mittelweg 36. 28(5), 84-109.

Paul, B., Egbert, S. (2014): Lügendetektion per Neuroimaging – Visuelle Verdachtstechnologien als soziotechnische Ensembles. In: Kriminologisches Journal 46, 3, 153-167.

Heinemann, T. (2012): Populäre Wissenschaft: Hirnforschung zwischen Labor und Talkshow. Göttingen: Wallstein.

 

Wissenschaftskommunikation

"The politics of progress", Session Hosts am 19.08.2020 auf der EASST / 4 S joint Conference 2020: Locating and Timing Matters: Significance and Agency of STS in Emerging Worlds, Prague Aug 18-21.2020 (virtual conference)

"Anachronistic Progress? User Notions of Lie Detection in the Juridical Field in Germany", Vortrag am 19.08.2020 auf der EASST / 4 S joint Conference 2020: Locating and Timing Matters: Significance and Agency of STS in Emerging Worlds, Prague Aug 18-21.2020 (virtual conference)

"Modern Lie Detection Systems as Double Future Devices", Vortrag (mit Simon Egbert) am 14.11.2019 im Internationalen Workshop: Scenarios and the Politics of the Future des Cluster of Excellence: CLICS der Universität Hamburg (Veranstalter*in)

"Detecting Intentions: The Value of STS for Elucidating Conceptual Shifts in Truth Verification“, Vortrag am 5.9.2019 auf der 4S-Konferenz in New Orleans: "Innovations, Interruptions, Regenerations"; Panel: STS and Security Studies: "Expertise, Infrastructures and Practices"

"Wahrheit unter dem Vergrößerungsglas - Über die Bestimmung von Technik, Körper und Subjekt in der deutschen Rechtsprechung zur Polygraphie", Vortrag am 25.4.2019 an der Universität Erfurt, Max Weber Kolleg, Tagung: "Wahrheitspraktiken"

"Wahrheitspraktiken", Hosts der Tagung (mit Bernhard Kleeberg und Laurens Schlicht) 25./26.4.2019, Universität Erfurt, Max Weber Kolleg, Tagung: "Wahrheitspraktiken"

"Ein soziotechnischer Blick auf Verfahren der Wahrheitsverifikation", Vortrag am 23.1.2019 im Seminar „Wissensgeschichte der Angst“ / HU Berlin (Veranstalter Laurens Schlicht)

Fischer, Larissa, Bettina Paul und Torsten H. Voigt. 2018. Wahrheit aus der Maschine, in: Stapferhaus (Hrsg.): Fake. Das Magazin. Lenzburg: Stapferhaus, 85-87.

"Doing Deception – theoretische und empirische Perspektiven auf das Zustandekommen von Lügen, Fälschungen und Betrügereien“, Panel-Organisation (mit Christian Thiel/ Augsburg), am 26.9.2018, auf dem DGS-Kongress 2018, Göttingen

"Über die soziotechnische Konstitution der ‚Lügendetektion‘ in Praxis und Forschung", Vortrag am 26.9.2018, auf dem DGS-Kongress 2018, Göttingen

"Sociotechnical Vision and Visibility in Security related Truth Verification", Vortrag am 27.7.2018 auf der EASST Conference 2018: Making Science, Technology and Society Together: Conference an der University of Lancaster.

"Scrutinizing (bio-)technological truth assessments", Session Hosts, 27.7.2018 in der EASST Conference 2018: Making Science, Technology and Society Together: Conference an der University of Lancaster.

"Ein soziotechnischer Blick auf Verfahren der Wahrheitsverifikation", Vortrag am 02.5.2018 an der HafenCity Universität, Vortragsreihe „Technikkulturen“ von Prof. Dr. Regula Valerie Burri

"Nodes of Sociotechnical Vision and Visibility in Security-related Truth Verification Research“, Vortrag am 23.3.2018 beim Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF)-Bielefeld, in der Arbeitsgruppe: Visuelle Kriminologie.

"'Ich sehe was du denkst'- Zum Wahrheitsanspruch des Bildes in der Lügendetektion." Vortrag am 11.12.2017 an der Uni Hamburg, Ringvorlesungsreihe: "Daten, Algorithmen, Kontrolle der Zukunft. Big Data in der digitalen Gesellschaft - Anwendungen und Zweifel"

"Visualizing lies: The relevance of imaging technologies in modern lie detection", Vortrag am 1.9.2017 auf der 4S Konferenz in Boston, Panel: Visual (In)sensibilities"

"Die soziotechnische Neukonfiguration der Lügendetektion". Vortrag am 14. 7. 2017 auf der DGS-Sektionstagung an der TU Darmstadt: "Wissen Macht Technik"