FEBiD

 

Fremdenfeindliche Einstellungen in Abhängigkeit von persönlichem Bindungsstil, sozialer Desintegration und relativer Deprivation, kurz FEBiD

Das Projekt

Im Mittelpunkt des FEBiD-Projekts steht die Annahme, dass Fremdenfeindlichkeit weder durch externale, sozialstrukturelle noch durch internale, personenbezogene Faktoren allein determiniert ist. Ein geeigneter Erklärungsansatz sollte daher beide dieser Faktorengruppen und deren Zusammenwirken angemessen berücksichtigen. Dies geschieht im Rahmen des FEBiD-Modells, indem darin erstens der Bindungsstil als internale Größe, zweitens soziale Desintegration als externale Größe und drittens beide Größen - also Bindungsstil und Desintegration - in Interaktion ursächlichen Anteil daran haben, ob und inwieweit Individuen abwertende, misstrauische oder feindselige Einstellungen gegenüber Angehörigen ethnischer Fremdgruppen entwickeln. Besonders ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit wird für den Fall des gemeinsamen Vorliegens von unsicherem Bindungsstil und sozialer Desintegration erwartet. Inhaltlich neu daran ist der Versuch, Fremdenfeindlichkeit im Rahmen einer repräsentativen, empirisch-quantitativen Untersuchung auf Erwachsenen-Bindungsstile zurückzuführen. Die Prüfungen der ersten und der dritten Beziehung sind demnach hauptsächliche Anliegen des Forschungsvorhabens. Durch eine weitgehende Verwendung gängiger und bewährter Messinstrumente soll ferner die Vergleichbarkeit mit anderen Studien, etwa dem ALLBUS 1996 und dem GMF-Survey, gewährleistet werden.

 

Projekt-Steckbrief

  1. Erste Projektphase: 2006 bis 2008
  2. Projektleitung: Professor Paul Hill
  3. Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeiter: Dr. Kirsten Rüssmann, Michaela Jüttemann, M.A., Andreas Vöttiner, M.A., Simon Dierkes, Hilke Krausnick
  4. Projektförderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft
  5. Förderungszeitraum: 1. April 2006 bis 31. März 2008
  6. Förderungssumme: circa 273.000 Euro
 

Das Modell

Das Analysemodell besteht aus zwei Strängen, die annahmegemäß erstens jeder für sich und zweitens vor allem in Interaktion bedeutsame Beiträge zur Varianzaufklärung beim Explanandum Fremdenfeindliche Einstellungen leisten. Der eine Modellstrang postuliert einen direkten Einfluss von sozialer Desintegration auf Fremdenfeindlichkeit und folgt darin substanziell dem Desintegrationsansatz. Wesentliche Gründe für individuelle soziale Desintegration liegen demnach in gesellschaftlichen Wandlungs- und Modernisierungsprozessen beziehungsweise auf der sozialstrukturellen Ebene (Makroebene). Um diesen Zusammenhangs zu überprüfen, ist die Erhebung einiger objektiver, sozioökonomischer Kennwerte für die Wohnregion der Befragten (z.B.: Arbeitslosenquote, Ausländeranteil, Produktivität, regionale Migration) vorgesehen. Zunächst ist die soziale Desintegration des Einzelnen bedeutend, da durch das eigene Betroffensein Frustrationen, Unzufriedenheit und Ängste entstehen, die durch Aggressionen und Feindseligkeiten gegenüber Schwächeren vordergründig gelindert werden können. Da Anstiege von Fremdenfeindlichkeit in Abhängigkeit von verschiedenen, insbesondere sozioökonomischen Aspekten sozialer Desintegration vielfach nachgewiesen sind, ist der besprochene Modellstrang in dieser Hinsicht prinzipiell stabil. Jedoch sind auch die anderen beiden Dimensionen sozialer Desintegration diesbezüglich umfassend auf Einflüsse zu testen. Heitmeyers Ansatz folgend sind für die drei Bereiche sozialer Desintegration (individuell-funktionale Systemintegration, kommunikativ-interaktive Sozialintegration und kulturell-expressive Sozialintegration) folgende Grundbeziehungen im Hinblick auf Fremdenfeindlichkeit zu erwarten: Je ausgeprägter die soziale Desintegration (entlang jeder ihrer Dimensionen sowie insgesamt), desto stärker die Fremdenfeindlichkeit. Die logische Struktur des gesamten ersten Modellstranges eröffnet die Möglichkeit zu überprüfen, ob und inwieweit der letztlich primär psychische Verschiebungsmechanismus durch die einbezogenen soziologisch relevanten Größen induziert ist.

Der andere Modellstrang postuliert einen direkten Einfluss des gegenwärtigen persönlichen Bindungsstils auf fremdenfeindliche Einstellungen. Als ursprünglich psychologisches, später auch in der Familiensoziologie verwendetes Konzept, vereinigt der persönliche Bindungsstil zweierlei Aspekte: erstens zurückliegende Bindungserfahrungen und -erlebnisse im Verlauf der (Primär)Sozialisation, zweitens, als deren Ergebnis, ein internales Arbeitsmodell von Bindung, welches in der Gegenwart als Prototyp die Gestaltung intimer Beziehungen grundlegend steuert. Im Rahmen des Projekts wird angenommen, dass der internalisierte Bindungsstil generell die Gestaltung von sozialen Beziehungen bestimmt und somit grundlegende Begegnungs- und Einlassungsbereitschaften verschlüsselt. Diese Bereitschaften sind bei Personen mit unsicherem Bindungsstil aus Angst und/oder Desinteresse generell herabgesetzt oder nicht vorhanden. Unsichere Bindungstypen sind daher misstrauischer und/oder abweisender. Das Vermögen beziehungsweise die Bereitschaft enge, vertrauensbasierte Bindungen einzugehen, die als zentrales Kriterium für die Differenzierung sicherer und unsicherer Bindungsstile gelten, ist demnach nur eine Manifestation eines internalisierten allgemeinen kognitiven Schemas von sozialen Beziehungen. Eine weitere Manifestation dieses internen Prototypenmodells ist die Einstellung gegenüber Angehörigen verschiedener Personengruppen, mit denen potenziell Beziehung und Begegnung möglich ist, darunter auch ethnische Fremdgruppen in Deutschland. Erwartet wird demgemäß eine gleichsinnige Beziehung zwischen dem aktuellen persönlichen Bindungsstil und Einstellungen gegenüber ethnischen Minoritäten, die sich hypothetisch wie folgt darstellt: Personen mit unsicherem Bindungsstil sind deutlich fremdenfeindlicher als solche mit sicherem Bindungsstil.

Bereits eine Bestätigung dieser Hypothese wäre ein empirischer Beleg für die Relevanz bindungstheoretischer Konstrukte in der soziologischen Erforschung fremdenfeindlicher Einstellungen.

Mit den beiden skizzierten Strängen sind sowohl objektive beziehungsweise sozialstrukturelle als auch individuumsspezifische Erklärungskomponenten in das Modell eingebracht. Deren Integration erfolgt durch die zwischen sozialer Desintegration und dem gegenwärtigen Bindungsstil gesehene Wechselwirkung.

Vergleichbare Desintegrationslagen wecken bei Personen mit sicheren und unsicheren Bindungsstilen unterschiedlich starkes Konfliktpotenzial.

Die Verbindung zwischen Sozialer Desintegration und Gegenwärtigem Bindungsstil meint also keine allgemeine, sondern eine spezifische Bedingtheit des einen Konstrukts durch das andere (und umgekehrt): jedes der beiden beeinflusst beim jeweils anderen allein dessen Effekt in Richtung des abhängigen Konstrukts Fremdenfeindlichkeit.

Im FEBiD-Modell steht außer den bisher besprochenen Elementen und Verbindungen an zentraler Stelle die Relative Deprivation. Verwendet wird dieses Konstrukt in seiner ursprünglichen, durch Runcimans Definition (1966: 10) treffend zum Ausdruck gebrachten Bedeutung. Relative Deprivation involviert somit soziale Vergleichsprozesse und als deren Ergebnis ‚negatives’ Erleben angesichts einer als ungerechtfertigt aufgefassten Benachteiligung gegenüber der sozialen Bezugsgruppe. Im individuellen Fall bestimmen immer zwei Faktorengruppen das Ausmaß relativer Deprivation: objektive Situationsmerkmale und subjektive Dispositionen. Dass die objektive soziale Situation (z.B.: Arbeitslosigkeit, Geldmangel, geringes Bildungsniveau) das individuelle Ausmaß relativer Deprivation mit bedingt, liegt nahe und ist gut belegt. Da solche objektiven Faktoren zentrale Aspekte sozialer Desintegration (entlang der sozial-strukturellen Dimension) darstellen, führt im FEBiD-Modell ein Effektpfeil von Sozialer Desintegration zur Relativen Deprivation. Ergebnisse sozialer Vergleichsprozesse hängen zudem von individuellen Dispositionen ab. Die hier getätigte Annahme besagt, dass der gegenwärtige Bindungsstil eine solche Dispositionskomponente ist. Wenn das internale Arbeitsmodell tatsächlich Prototypenschemata bezüglich der Gestalt möglicher Bindungsbeziehungen und damit wesentliche Aspekte des Selbst- und des Fremdbildes enthält, dann wird in Abhängigkeit vom Bindungsstil auch das Ausmaß der relativen Deprivation variieren, da die Sicht des Selbst und der Anderen für das Ergebnis jedes sozialen Vergleichs höchst relevant ist.

Schließlich soll überprüft werden, ob ein Einfluss Fremdenfeindlicher Einstellungen auf Diskriminierungsbereitschaft vorliegt. Da tatsächliche Diskriminierung, deren Spektrum von bloßer Kontaktvermeidung über Ungleichbehandlungen bis hin zu gewalttätigen Übergriffen reicht, in einer Befragung nicht direkt gemessen werden kann, sieht das FEBiD-Modell die Erhebung einer entsprechenden Bereitschaft vor. Es wird dabei von moderatne Effekten Fremdenfeindlicher Einstellungen auf Diskriminierungsbereitschaft ausgegangen. Eine umfangreiche Analyse des Abhängigkeitsprofils dieser Beziehung ist vorgesehen.

Durchführung der Studie

Die Gesamtlaufzeit des Projekts gliedert sich in vier Phasen. Die erste Phase (01. April 2006 bis 31. Januar 2007) umfasst 10 Monate. Sie beginnt mit der Theorie- und Hypothesenbildung, befasst sich dann mit der Konstruktion der Skalen und Instrumente zur Hypothesenprüfung gemäß der testtheoretischen Anforderungen sowie deren Erprobung in einem Pretest. Die erste Phase endet mit der Fertigstellung des in der Hauptstudie einzusetzenden Instrumentariums.
Die zweite Phase (01. Februar 2007 bis 30. April 2007) beginnt mit der Anwendung des entwickelten Instruments in der Zielstichprobe (N=2000) und endet nach drei Monaten mit der Anlieferung maschinenlesbarer Daten durch professionelle Subunternehmer. Parallel wird in der zweiten Phase von den wissenschaftlichen Mitarbeitern der RWTH Aachen eine Auswertungsstrategie zur Überprüfung der aufgestellten Hypothesen sowie zur Ermittlung von Reliabilitäts- und Validitätskennwerten entwickelt.
Die dritte Phase (01. Mai 2007 bis 31. Dezember 2007) besteht in der detaillierten Auswertung und Hypothesenprüfung. Dazu wird ein Zeitraum von acht Monaten veranschlagt. Die vierte und letzte Projektphase (01. Januar 2008 bis 31. März 2008) ist der Berichtslegung gewidmet und umfasst drei Monate.