Organisationale Herausforderungen der Karriereentwicklungen des wissenschaftlichen Nachwuchses am Beispiel der Textilbranche aus organisationssoziologischer Sicht

Lemm, Jacqueline; Häußling, Roger (Thesis advisor); Gries, Thomas (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2016)
Doktorarbeit

Kurzfassung

Der Bedarf der Unternehmen an gut ausgebildetem wissenschaftlichem Nachwuchs steigt. Die Unternehmen kooperieren mit der Wissenschaft zwecks Fortschritts in Produkten und Prozessen, aber auch, um die besten Köpfe direkt an Hochschulen kennenzulernen und für sich zu gewinnen. Die Notwendigkeit der Wissenschaftsbetriebe (WiB), aufgrund einer sinkenden Grundausstattung verstärkt Forschungs- und Entwicklungsaufträge aus der Industrie zu akquirieren, erleichtert den Unternehmen zugleich den Zugang für diesen Wissenstransfer über Köpfe. Ziel der Arbeit war es, die organisationalen Herausforderungen der Karriereentwicklungen des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Wissenschaftsbetrieben im Vergleich zu den Wirtschaftsorganisationen am Beispiel der Textilbranche herauszustellen, um Gründe für die Abwanderung Promovierter aus den WiB zu eruieren und Lösungsansätze für den Verbleib von Postdocs in den Ingenieur- und Naturwissenschaften zu konzeptionieren.Hierzu wurden zunächst in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen der Thematik aufbereitet. Der Begriff der Arbeit und des Berufs wurden u. a. im Hinblick auf die damit verbundene Persönlichkeitsstabilisierung betrachtet. Auf diesen grundlegenden Theorieelementen aufbauend wurden die Wissenschaft als Beruf(ung) nach Max Weber und Wissenschaft als Lebensform nach Jürgen Mittelstraß betrachtet, um die Spezifika der Arbeit und des Berufes von Nachwuchswissenschaftlern/innen zu erfassen. Nachfolgend wurden spezifische Charakteristiken der Situation von Nachwuchswissenschaftlern/innen betrachtet. In Anlehnung an Luhmann wurde abschließend die Wissenschaft als autonomes, operativ geschlossenes, selbstreferentielles System beschrieben. An diese Ausführungen anschließend wurden Weingarts Überlegungen zu den immer enger werdenden Kopplungen zwischen dem Wissenschaftssystem und dem Wirtschaftssystem eingebracht (vgl. Weingart 2001: 28 f.). Mit Blick auf das Wirtschaftssystem wurde eine definitorische Basis zu Wirtschaftsunternehmen eingeführt, um abschließend den Austausch sowie die Durchlässigkeit der Wissenschafts- und Wirtschaftsbetriebe zu betrachten. An die theoretischen Grundlagen anknüpfend, wurde in Kapitel 3 der aktuelle Forschungsstand aufgezeigt. Eine umfassende Zusammenstellung aktueller Forschungsarbeiten zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses bildete die Bedeutung und Veränderung (der Form) sowie die Besonderheiten der Promotion und unterschiedliche Promovenden/innen-Subtypen ab. Den aktuellen Forschungsstand abschließend, wurden die Interaktionen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft betrachtet. Bestandteile der empirischen Argumentation waren ein Systemvergleich, eine Bedarfsanalyse von Wissenschafts- und Wirtschaftsorganisationen sowie eine Bedarfsanalyse promovierender und promovierter Ingenieure/innen und Naturwissenschaftler/innen bezüglich ihrer Karriereplanung. Der Status quo aktueller Karriere- und Anreizmöglichkeiten im Wissenschaftssystem und Lösungsansätze in Form neuer Strukturen und Modelle für eine langfristige Stärkung des wissenschaftlichen Nachwuchses wurden in Kapitel 7 als Antworten auf die bestehenden Defizite und Abwanderungsgründe aufgeführt. Die Implementierung solcher Modelle könnte Wissenschaftsbetrieben dazu verhelfen, die enger werdenden Kopplungen mit dem System Wirtschaft proaktiv zu gestalten, Drittmitteleinnahmen durch die Professionalisierung des Wissenstransfers über Köpfe zu verstetigen, Gelder für spezifischere Weiterbildungen und Personalentwicklungsmaßnahmen aufzuwenden und Postdocs in den Vermittlungsprozess vergütet zu involvieren.Vor dem Hintergrund relevanter hochschulpolitischer Maßnahmen wurde deutlich, dass das Bewusstsein in der Gesellschaft für die Wichtigkeit der Hochschulen als Ausbildungsinstanz des wissenschaftlichen Nachwuchses weiterhin einer Sensibilisierung und Schärfung bedarf.

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