Qualifikationsarbeiten

 

Aktuelle Dissertations- und Habilitationsvorhaben

Dissertation: Energiesysteme im Kontext von Digitalisierung, Datafizierung und Nachhaltigkeit.
Aushandlungsprozesse der Governance in soziotechnischen Systemen der Smart Meter
Annika Fohn, M. A.

Technisierung, Digitalisierung, Datafizierung und Nachhaltigkeit sind zunehmend essenzielle Themen gesellschaftlicher Transformationen, so auch von Transformationen in Energiesystemen. Sie müssen zukünftig intensiver als interdependente Untersuchungseinheiten der Sozialwissenschaften fokussiert werden. Um eine möglichst breite Akzeptanz von technischen und datengetriebenen Entwicklungen in Energiesystemen, wie beispielweise der Smart Meter, erfolgreich zu erreichen, bedarf es einer soziotechnischen Forschung, die soziale und technische Aspekte gleichermaßen berücksichtigt und ebenso die Daten als zentrale Mikroeinheiten betrachtet. Ziel der Arbeit ist es daher, die Aushandlungsprozesse der Governance in soziotechnischen Systemen am Beispiel der Smart Meter zu analysieren und die Techniksoziologie und Soziologie der Nachhaltigkeit miteinander in einen neuen konkludenten Dialog zu bringen. Entstehungs-, Nutzungs-, Deutungs- und Verwertungszusammenhänge von Daten werden u.a. in qualitativen Untersuchungen eruiert.

 

Habilitation: Gruppe und Netzwerk
Grundlagen einer integrativen Theorie
Dr. phil. Claudius Härpfer

Das Netzwerk ist nicht nur eine der Schlüsselmetaphern des frühen 21. Jahrhunderts und bis heute omnipräsent, sondern auch ein eigentümlicher Soziologischer Grundbegriff. Wir gebrauchen in der Fachwelt anerkannte, elaborierte Verfahren, um die uns umgebende soziale Struktur als Netzwerk zu beschreiben und darin je nach Fokus verschiedene Mechanismen zu identifizieren. Auffällig ist dabei jedoch die Diskrepanz zwischen Methode und Theorie. Ein Blick in aktuellere Darstellungen zur Netzwerktheorie zeigt, dass die Netzwerkanalyse – bei allen Erfolgen, die diese Forschungsperspektive für sich verbuchen kann – nach wie vor wenig in den Rahmen des Faches integriert ist und immer noch im „theoretical vacuum“ (Granovetter) agiert. Die Studie unternimmt den Versuch, dieses Problem im Ansatz zu lösen, indem sie Panajotis Kondylis Unterscheidung zwischen dem synthetisch-harmonischen Weltbild der bürgerlichen Moderne und dem analytisch-kombinatorischen Weltbild der massen­demo­kratischen Postmoderne zu Rate zieht, um den Begriff des Netzwerkes, in seiner einseitigen Übersteigerung des analytisch-kombinatorischen, als Polemik gegenüber dem soziologischen Begriff der Gruppe zu begreifen. Diese Perspektive erlaubt es, Gruppen und Netzwerke nicht mehr als gegensätzliche Perspektiven zu begreifen, sondern als polemische Beschreibungen eines Gegenstandes, was uns in die Lage versetzt, die in beiden Begriffen enthaltenen Polemiken in einer historisch-systematischen Rekonstruktion herauszuarbeiten und gegenüber zu stellen.

 

Dissertation: Wechselwirkungen von (Be-) Wertungen, Subjektivierung und Interaktion
Dhenya Schwarz, M. A.

Wertungen und Bewertungen stellen seit jeher zentrale soziale Ordnungsmechanismen dar, welche formal als geregelte Abläufe von zum Beispiel Online-Bewertungen oder Bewertungen von wissenschaftlichen Arbeiten in Peer-Review-Verfahren wahrgenommen werden. Aber auch subtiler finden diese Prozesse statt und beeinflussen dabei, wie wir uns selbst wahrnehmen, wie wir denken, dass andere uns wahrnehmen und wie wir uns im sozialen Kontext einordnen. Eingebettet in ein Feld von Normen, Rollenerwartungen und strukturellen Systemvoraussetzungen entsteht das Subjekt, unsere Einordnung den aktuellen sozialen Kontext. Bewertungen und Wertungen nehmen also Einfluss auf die Subjektivierung des Menschen. Self-Tracking, (Selbst-) Darstellungen und Diskussionen in sozialen Netzwerken als auch allgemeinere Wertungen in (neuen) Medien sind Ausgangspunkte für Prozesse im Spannungsfeld zwischen Fremd- und Selbstbewertung im digitalen Zeitalter. Es ist also annehmbar, dass sich durch die digitale Erweiterung der Bewertungsmöglichkeiten auch die Formungselemente weiter ausbreiten und damit auch tiefer eindringen in Prozesse der Subjektivierung. Wie wir uns selbst als Subjekt in der Gesellschaft positionieren, hat wiederum Einfluss auf die Art und Weise wie wir interagieren. Somit ist davon auszugehen, dass sich mit veränderten Subjektivierungsprozessen auch Prozesse der Interaktion verändern. Gegenwartsphänomene wie Shitstorms, Cancel Culture oder die aufflammende Debatte über die Bedrohung der Meinungsfreiheit sind hier Fallbeispiele, die unter dieser Schablone analysiert werden können. Neue theoretische Annährungen der Soziologie des Wertens und Bewertens als auch klassische soziologische Theoretiker*innen (wie Boltanski/Thevenot, Mead, Reckwitz und Goffman) sollen dabei die Grundlage für eine Gegenwartsdiagnose mit Zukunftsausblick bieten.